Die aktion 49 in Herford und die Schülerzeitung KAPUTT (6) |
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Aufbrüche
Viele der von der aktion 49 verfolgten Ziele sind für die jugendlichen Generation heute selbstverständlich. Es ist für Jugendliche heute schwer nachvollziehbar, welche Probleme und Konflikte vor über dreißig Jahren Jugendliche auf die Barrikaden trieben. Die Beatmusik der 60er Jahre war vor dem Hintergrund der Hippie- und Protestbewegung zu einer Blütezeit gelangt. Es war die Zeit des Misstrauens gegenüber vorherrschenden Verhältnissen, den Normen, der Moral, den Politikern, Lehrern und den Eltern und dem Vietnamkrieg. Jeder Zentimeter Haarlänge musste erbittert erkämpft werden, um jedes Kleidungsstück, wie etwa die Jeans, entbrannte eine Auseinandersetzung mit den Eltern und Lehrern. Diese Probleme waren für die Jugendlichen wirkliche Probleme. Viele der Songtexte dieser Zeit basierten auf diesen wirklichen Problemen und die Jugendlichen konnten sich mit ihnen identifizieren. Wer lange Haare trug, wurde unweigerlich als "Gammler" beschimpft; das galt auch für die entsprechenden Klamotten: Jeans, US-Militärjacke, bunte Hemden mit riesigen Krägen definierten den Träger als "Rebellen" und "Außenseiter". In der Klasse mussten alle Schüler aufspringen, wenn der Lehrer reinkam, und wer sitzen blieb, wurde dafür mit einem Eintrag ins Klassenbuch bestraft. Das war eine Zeit, in der ein Sänger wie Drafi Deutscher als Sozialrebell galt und die Pilzköpfe der Beatles als der Inbegriff der Revolte. Und danach kamen die Bands aus den USA, die Jefferson Airplane zum Beispiel mit ihren Songs gegen den Vietnamkrieg und das Establishment, die MC5 mit ihrem Krachsound übers brennende Detroit, die Doors und Jim Morrison mit ihren nicht nur unterschwelligen sexuellen Anspielungen, Frank Zappas Mothers of Invention undsoweiter. Woodstock kennt heute jeder als Ort eines der größten Konzerte der Rockgeschichte. Dokumentiert im Film und auf Schallplatten ist dieses Festival der Nachwelt erhalten geblieben und trägt das Signum, das erste seiner Art gewesen zu sein. Doch das stimmt nicht. "2000 Hippies an der Ruhr", überschrieb die WAZ im Herbst 1968 einen Artikel, der von dem größten Festival des Ruhrgebiets berichtete, den "Essener Songtagen" - vor Woodstock! Mehr als 40.000 Besucher wurden insgesamt gezählt. Oberbürgermeister Nieswandt, so wird berichtet, stand fassungslos der damals ungewöhnlichen Situation gegenüber, dass der Empfang der Stadt Essen für Frank Zappa & Co durch ein "Go-in" gesprengt wurde. 1968 kamen sie alle für drei Tage in der Grugahalle in Essen zusammen; jede Band spielte für 300 Mark plus Reisekosten: Fugs, Tim Buckley, die Mothers, John Peel and the Lower East Side, Amon Düül, Tangerine Dream, Family, Soul Caravan - es war ein riesiges Treffen von Gleichgesinnten, bei dem sich die Grenzen zwischen Musik und Politik zeitweise aufhoben.. Neben den "Underground"-Bands traten auch politische Liedermacher auf; alles passte reibungslos zusammen: Nachmittags ging man zu Süverkrüp, abends zu Tangerine Dream. Generationen sind immer in einer bestimmten Zeit zu verorten. Sie leben in einer Gesellschaft einer bestimmten Epoche, mit einer für diese Zeit gültigen Moral, Ethik, mit den entsprechenden Umgangsformen, Sexualvorstellungen, Moden. Die Jugendlichen dieser Generationen haben gleiche oder ähnliche Deutungsmuster und Erfahrungen, auch wenn sich die einzelnen Schicksale durchaus voneinander unterschiedlich beschreiben ließen. Die 68er-Generation war auf eine bestimmte Art und Weise eine geschichtsprägende Kraft. Sie hat die Gesellschaft liberalisieren geholfen; und sie hat das Stigma der Schuld angenommen. Sie hat sich mit dem Nationalsozialismus auseinander gesetzt. Ihre Aktionen und ihre Kreativität haben in der Gesellschaft die alten Fesseln zerschnitten und Produktivkräfte frei gesetzt. Vor ihr gab es die von dem Soziologen Helmut Schelsky als "skeptische Generation" bezeichneten Jugendlichen der Jahre nach 1945. Sie haben 1945 Trümmer vorgefunden und gesehen, dass viele exponierte Nationalsozialisten wieder in Amt und Würden waren. Danach konnten sie sich mit den Zielen der nach ihr folgenden 68er-Generation nicht identifizieren, vielleicht, weil vieles an die Zeit der Weimarer Republik erinnerte, bei der die 68er und mehr noch die späteren kommunistischen Gruppierungen Anleihen machten. In den Schulen wurde die Zeit des Nationalsozialismus ähnlich kurz oder sogar kürzer und oberflächlicher behandelt als der 30jährige Krieg. Im Zuge der APO tauchte auch die erste Literatur zu diesem Themenfeld auf, vieles aus der DDR eingeführt oder sogar eingeschmuggelt wie z.B. das "Braunbuch", dessen Besitz in der BRD verboten war. Bei der Diskussion darüber stand weniger das Leid der Opfer im Vordergrund, sondern die Schuld der Täter. Endlich gab es handfeste Argumente gegen die Väter (und Mütter), denen sie nur wenig entgegen stellen konnten. Das gab uns ein Gefühl der moralischen Überlegenheit über unsere Eltern und die meisten Politiker, die ja auch diese Zeit mitgemacht hatten, ohne Widerstand zu leisten. Bei der aktion 49 spielten diese Ereignisse nie eine große Rolle; mehr als die Geschichte stand die Theorie im Vordergrund. Und die Praxis: Nicht unterkriegen lassen, was Kleidung, Musik und Lebensstil anging. Es dauerte zwar viele Jahre, aber irgendwann gewöhnte man sich auch in Herford an lange Haare, lockere Kleidung und unverheiratete Paare. Die Jugendlichen der Jahre 1967 und später haben, sofern sie politisch links aktiv waren, viele ihrer angestrebten Ziele nicht erreicht. An den Schulen hat sich ebenso wenig geändert wie an der direkten demokratischen Beteiligung der Bürger an wichtigen politischen Entscheidungen. Der Zusammenbruch des Ostblocks hat zudem für eine große Desillusionierung im Hinblick auf den Sozialismus gesorgt. Dennoch verdanken wir dieser Generation viel. Wenn es heute egal ist, ob jemand lange oder kurze Haare hat, verheiratet oder unverheiratet zusammenlebt, welche Musik gehört wird, welche Kleidung getragen wird - dann ist das eine Liberalität, die von den Jugendlichen in jenen Jahren erkämpft wurde. Die aktion 49 und auch die Jugendlichen des Fla-Fla haben ihren Teil in Herford dazu beigetragen.
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