Die aktion 49 in Herford und die Schülerzeitung KAPUTT (2)

 

 

 
2. Die Gründung der aktion 49

Eine erste Gelegenheit zu einer Aktion in Herford ergab sich am 27. Oktober, als am Mahnmal am Bergertor ein Regimentstreffen des "Traditionsverbandes ehemaliger 58er" stattfand. Zu den Teilnehmern zählten der Herforder Oberbürgermeister Dr. Schober (CDU) sowie Fritz Landré, Direktor der Friedrich-List-Schule.

Eine Gruppe von Jugendlichen des SDC, der "Falken", der "Campagne für Demokratie und Abrüstung" sowie der IG Metall protestierten mit Plakaten und Transparenten am Rande des Treffens gegen Krieg und Militarismus - offenbar bereits zu viel für manche der Veranstaltungsteilnehmer. Die Demonstranten wurden beschimpft, mit Stöcken bedroht und geschlagen. In einem wenige Tage später erschienenen Flugblatt heißt es dazu in schönstem Entrüstungsdeutsch: "Außerdem kritisiert die demokratisch denkende Jugend auf das Schärfste das Verhalten des Schulleiters der Friedrich-List-Schule, Fritz Landré. Er, als Pädagoge, lehnte es ab, sich die Argumente der Jugendlichen anzuhören... Obendrein ließ er sich dazu herab, mit primitiven, der Sache nicht gemäßen Schimpfwörtern wie Rotznasen, Scheißkerle und ähnlichen über die Problematik der Ereignisse unsachlich zu urteilen." Es lässt sich unschwer erkennen, wie weit die Herforder "Revolutionäre" von den Straßenkämpfern der Metropolen entfernt waren.

Es reichte aber aus, um die etablierten Kräfte in Herford zu erschrecken. Nach den Ereignissen am Bergertor benannte sich die Gruppe zum 1. November 1968 um: Die "aktion 49, Sozialistische Bewegung" wurde gegründet. Der Name aktion 49 bezog sich auf das Jahr des Inkrafttretens des Grundgesetzes für die BRD und auf die Postleitzahl von Herford. Im Gründungsflugblatt wurden die 4 Leitlinien der Gruppe benannt:

"1. Die Aktion 49 versteht sich als politische Gruppe der Außerparlamentarischen Opposition für Arbeiter, Schüler und Studenten.
2. Unsere Grundlage ist eine humanitär-sozialistische Weltanschauung, d.h. die Umwandlung der Gesellschaft in eine sozialistische soll der Befreiung des Menschen aus seiner politischen und gesellschaftlichen Unmündigkeit dienen und sein kritisches Bewusstsein fördern. Deshalb lehnen wir den Kapitalismus ab, da er den Menschen nicht mehr als den politischen und gesellschaftlichen Mittelpunkt betrachtet, sondern ihn als Funktionsteil eines rein wirtschaftlich orientierten Systems auffasst.
3. Aufgrund dessen streben wir eine Umwandlung der Gesellschaft auf kulturellem, politischen und wirtschaftlichem Gebiet an.
4. Dabei stützen wir uns nicht nur auf eine politische Ideologie, sondern auf soziologische und sozialpsychologische Analysen der Gesellschaft."

Ironischerweise traf sich die Gruppe zunächst im Hinterzimmer der Gastwirtschaft "Zum Kurfürsten" in der Kurfürstenstraße, deren Pächter politisch der NPD nahe stand. Aber weil die "jungen Leute" wie er und seine Kameraden "gegen das System" waren, beherbergte und bewirtete er sie gerne bei sich.

Jede Woche trafen sich 10 bis 20 Leute und setzten sich mit aktuellen politischen Ereignissen und theoretischen Werken, zum Beispiel dem von Herbert Marcuse, auseinander. Selbst Oberbürgermeister Dr. Schober wagte sich einmal in die Höhle des Löwen, um mit den Jugendlichen zu diskutieren.

Die Suche nach eigenen Räumlichkeiten führte schließlich zur Anmietung eines Dachbodens in der Eimterstraße 49. Hier entstand die "Zentrale der Herforder APO". Wie es dort aussah, kann man den Aufzeichnungen eines der Beteiligten entnehmen:

"Er fror, denn es war kalt; durch die Dachziegel fuhr der Wind in den Bodenraum, und die beiden Heizsonnen halfen nicht viel, wenn es zwanzig Personen zu wärmen galt. Soviel waren zur Zeit zwar noch nicht da, erst sechs, ein Mädchen, fünf Jungen, verstreut auf Sofas und in verschlissene Plüschsofas gekauert, um wenigstens der größten Kälte zu entgehen. Der Sommer kommt scheißspät dies Jahr, dachte er und sagte: "Arschkalt" und schüttelte sich dabei, um den Ernst seiner Worte zu unterstreichen. "Ja, mein Lieber!" tönte ihm die Antwort entgegen, die er erwartet hatte. Natürlich durfte der Nachsatz nicht fehlen: "Wir Revolutionäre müssen nun mal mit dem auskommen, was uns gegeben ist." Scheißphraseologie, dachte er, und der Typ regte ihn auch auf, oder besser, tat ihm leid, weil er es nicht durfte, einen Menschen seiner Person wegen zu hassen. Obwohl ihn das Geschwätz ankotzte, sagte er: "Und ich friere mich tot dabei." Er rieb seine Handflächen aneinander und streckte sie nach der einen Sonne aus, um die Starre aus den Fingerspitzen zu vertreiben.

"Nu, wollen wir anfangen?" fragte der Lange und stützte sich von der Theke ab, an der sie damals alle geschafft hatten, neunzig Mark für die Holzplatten, und mit dem Rest wurde die Theke gebaut, dreckig, mit Splittern, aber repräsentabel, die Bierkisten brauchten im Raum stehen, wir hatten ein Ablagebrett mehr, und PL sagte: "Ja, meine Lieben, wir können nicht ewig warten" und rückte seinen Stuhl näher an die Heizkörper. Da stand er auf, sagte: "Ich hau ab", schlug den Teppich über der Türfüllung beiseite, beschmutzte sich die Hand, den hatte er damals selbst noch geklopft, ließ ihn hinter sich zurückfallen, betrachtete von außen das durch Holzplatten abgeteilte Stück Bodenraum, sah den Lichtschein hervorkriechen, hörte die Stimmen, sah den Schmutz und ging zur Bodentür, die knarrende Holztreppe hinab und öffnete die Hintertür.."

Ende 1968 flossen die Aktivitäten in die Herausgabe einer neuen Schülerzeitung in Herford ein: KAPUTT. Diese Zeitung war in den nächsten anderthalb Jahren das Sprachrohr der Jugendlichen, die sich in der aktion 49 zusammengeschlossen hatten. In ihr lässt sich sowohl der Optimismus des Anfangs als auch die Resignation des Niedergangs der Gruppe verfolgen.





 

Aufbau eines Aktionsstands

Flugblattverteilung

Flugblattverteilung