Die aktion 49 in Herford und die Schülerzeitung KAPUTT |
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1.
Der Anfang
1965 war ein Jahr, in dem die Schaufensterpuppen noch keine Brustwarzen hatten und ein großes Pils immer ein halber Liter war. Wer unverheiratet war, bekam nur schwer oder gar nicht eine eigene Wohnung, auch wenn 2 Zimmer in Innenstadtnähe bereits für 40 Mark im Monat zu haben waren. Wo heute die Fußgängerzone ist, fuhren noch Autos vom Alten zum Neuen Markt, die dort vor einer über der Kreuzung aufgehängten Ampel hielten, bei der ein Zeiger stetig vom roten ins grüne Feld wanderte. Die Brüderstraße war noch nicht in ein Museum verwandelt worden, und dort, wo heute die Ruine des Kaufhofs die Stadt verschandelt, stand das ehrwürdige Gymnasium Fridericianum. Alles war geordnet; bis auf ein paar Halbstarke und die Kirmes gab es kaum Exzesse. Politik wurde von den drei Parteien CDU, SPD und FDP gemacht; Bürgerinitiativen gab es nicht. Es herrschte Ruhe in der Stadt. Natürlich gab es auch in Herford auch ein paar versteckte Kommunisten. Die konzentrierten sich allerdings auf die Arbeiter in den Betrieben. Schüler, vor allem Oberschüler, spielten für sie keine Rolle. Das waren Kleinbürger, Intellektuelle, von denen nie eine gesellschaftliche Veränderung ausgehen würde. Ein ziemlicher Irrtum, wie sich herausstellen sollte. In den studentischen Metropolen begann es um diese Zeit zu gären. Seit 1964 protestierten in den USA Studenten mit teach-ins, sit-ins und so genannten Happenings gegen die gesellschaftliche Organisation und gegen den Krieg in Vietnam. Schon kurze Zeit später wurden diese Aktionsformen auch in der Bundesrepublik aufgegriffen. Einer der Motoren dieser Entwicklung an den Hochschulen war der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), der einstmals aus der SPD hervorgegangen war, jetzt aber ein Sammelbecken für Gegner des politischen Systems darstellte. Theoretiker wie Rudi Dutschke waren dort ebenso vertreten wie Kommunarden wie Kunzelmann oder Teufel; es gab Anarchisten und Situationisten - kurz, das ganze Spektrum der Linken war im SDS vereinigt. Nachrichten davon drangen auch nach Herford. Einer der Knotenpunkte für die Übermittlung dieser Nachrichten war der Jazz Club January in der Komturstraße, im obersten Stockwerk der ehemaligen Lederfabrik Kunst. Gegründet von einer Gruppe von älteren Jugendlichen, war er das erste "selbstverwaltete Jugendzentrum" in Herford, auch wenn es hier weniger um Jugendarbeit ging, sondern eher darum, ungestört von Erwachsenen Bier zu trinken, miteinander zu knutschen und Urwald-, sprich: Jazzmusik zu hören. Entgegen den Intentionen seiner Gründer wurde der Jazz Club ab 1968 zu einer Art Nachrichten- und Informationszentrale für Neuigkeiten aus der Studentenbewegung. Hier trafen sich die Oberstufenschüler und die ehemaligen Gymnasiasten, die inzwischen studierten. Und hier trafen sich viele derjenigen, die später das bilden sollten, was die Herforder Variante der APO war: die aktion 49. Politische Aktivitäten außerhalb der etablierten Parteien hatte es, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, schon vorher gegeben, zum Beispiel die der Kriegsdienstverweigerer. Zu ersten größeren Aktionen, die mehr als nur Partikularinteressen zum Inhalt hatten, kam es aber erst ab 1968. Auslöser war die geplante Verabschiedung der Notstandgesetze im Bundestag, zu der sich eine große Koalition aus CDU/CSU und SPD zusammengefunden hatte. Lediglich die kleine FDP wollte ihre Zustimmung verweigern, weil sie, wie viele andere auch, keine Notwendigkeit sah, ein Gesetz zu erlassen, das "im Notstandsfall" die bürgerlichen Freiheitsrechte außer Kraft setzen sollte. Außer im Jazz Club trafen sich politisch interessierte Schüler und Lehrlinge auch in den Windstuben am Neuen Markt, bei Tchibo oder in einem Schuppen in der Schlosserstraße, um sich zu treffen, zu diskutieren oder Musik zu hören. In den Aufzeichnungen eines Beteiligten von damals liest sich das so: "Lagebeschreibung: Eine der vielen Tchibo-Kaffeefilialen, in fast jeder deutschen Stadt anzutreffen. Sie lag im Stadtzentrum, im Winter und bei Regen trafen sie sich hier, im Sommer saßen sie nebenan auf dem Brückengeländer oder dem Mäuerchen daneben, der Fluß war ein Flüsschen und fast immer ausgetrocknet. Sie, das war die engagierte Jugend der Kleinstadt, zum Teil zusammengeschlossen in einer sozialistischen Gruppe, drei Mark Monatsbeitrag. Wie gesagt, im Winter standen sie bei Tchibo, meistens acht Personen um ein Tischchen, vier davon ohne Kaffee gekauft zuhaben, debattierten die Tagesereignisse und beschlossen, was weiterhin zu tun sei. Die Filialverkäuferinnen schritten manchmal ein, wenn sie zu laut wurden, verhielten sich ansonsten tolerant. Der Lange sagte einmal: "Auch in den Universitätsstädten sind die Tchibo-Filialen Treffpunkte der APO." Er hatte Erfahrung, studierte in Frankfurt, vorher in Marburg..." Ein weiterer Treffpunkt waren die Wochenendveranstaltungen der "Neuen Gesellschaft", einer der SPD nahe stehenden Bildungseinrichtung, im Haus Neuland bei Oerlinghausen. Aus ganz Ostwestfalen kamen politisch interessierte Jugendliche hier zusammen - zum einen, um mit bekannten Referenten zu diskutieren, zum anderen, um Gleichgesinnte kennen zu lernen. Und natürlich auch, weil am Samstagabend immer eine große Party stieg, in deren Anschluss sich dann die Belegschaften der Mädchen- und Jungenzimmer deutlich vermischten. Im Zuge der Vorbereitung
der großen Anti-Notstandsgesetzgebung-Demonstration in Bonn und
über den Jazz Club fand sich eine Gruppe von Schülern und
Studenten zusammen, die mehr wollten als nur ab und an an einer bundesweiten
Aktion teilzunehmen. Man nannte sich "Sozialistisch-Demokratischer
Club Herford" und traf sich regelmäßig zu Diskussionen.
Erstmals trat man mit einem eigenen Flugblatt auf dem Protestmarsch
vor der sowjetischen Militärmission in Bünde gegen die Zerschlagung
des "Prager Frühlings" durch die Truppen des Warschauer
Paktes auf.
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Kongress
Demokratie in der Schule |
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Kongress
Demokratie in der Schule |
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Protest
gegen Vietnamkrieg |
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